Publikationen

Bert Gstettner und sein Tanz*Hotel

Andrea Amort, Mimi Wunderer-Gosch (Hrsg.): Österreich tanzt. Geschichte und Gegenwart, Wien: böhlau verlag, 2001

Bert Gstettner und sein Tanz*Hotel

Zur ersten Etappe der aufstrebenden Choreographen gehören Bert Gstettner, Elio Gervasi und Willi Dorner; später hinzu kamen das Choreographen-Duo Roderich Madl und Doris Ebner, Paul Wenninger, Christine Gaigg und Saskia Hölbling. Auf einsamen Posten, im fernen Kärnten, kämpfte währenddessen Zdravko Haderlap mit seinem provokanten Tanztheater Ikarus. 

Bert Gstettners Werkliste reicht bis in das Jahr 1984 zurück. Zu Beginn waren es kleinere Arbeiten, Soli, Duette, mit denen er auf sich aufmerksam machte. Damals war schon sein Hang zum Skurrilen, zur Groteske, zu stark verzerrtem Körperausdruck bemerkbar. Oft bezog er das Publikum aktiv in den Ablauf seiner Performances ein wie in den gemeinsam mit Silvia Both geschaffenen Duetten Double Tilt (1989), das sich im Stiegenhaus des WUK abspielte, und Balkonkontrast (1990).
Gstettners vielseitige Ausbildung – er hatte unter anderem in New York bei Erick Hawkins, einem der Pioniere des amerikanischen Modern Dance, studiert, sich weiters mit außereuropäischen Theaterformen und südosteuropäischen Volkstanz beschäftigt – kam immer mehr zum Tragen. Ethnische Elemente fanden Einzug in sein erstes Langzeitprojekt Labyrinth-Triptychon (1988-90), das die Minotaurus-Sage behandelte.

1992 adaptierte Bert Gstettner mit seinen Mitstreitern eine ehemalige Fabrik in Wien-Favoriten, wo bis heute seine Truppe, Tanz*Hotel, residiert und mit zeitgenössischen Komponisten, Bühnen- und Kostümbildnern zusammenarbeitet. Raumgestaltung, überzeichnete, mitunter die Motorik beeinträchtigende Kostüme und symbolische Requisiten sind ihm von zentraler Bedeutung. Jeder Tanz*Hotel-Produktion geht eine intensive thematische Recherche voraus: In Angelo*Soliman (1996) beschäftigte er sich mit der im 18. Jahrhundert von Gasparo Angiolini und Jean Georges Noverre entwickelten Form des <Ballet d´action>; In Il*Libro*Mio (1998) wandelte er auf den Spuren des Florentiner Manieristen Pontormo; Cut*A*Way (1999) war als Streifzug durch die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts konzipiert.

Daneben hat er auch multimediale Performances kreiert und für seine Events artfremde Lokalitäten aufgespürt. Das Bühnenstück Time*Sailors (1995) brachte er 1998 in einer mehrere Tage lang dauernden, virtuellen Zeitreise als interdisziplinäres Dance Environment auf der Kaiserbadschleuse am Wiener Donaukanal zur Aufführung. 

 

Aus den Tiefen des Wiener Kulturtanks (B.G.)

In: Eva Brenner (Hrsg.): Anpassung oder Widerstand: Freies Theater heute. Vom Verlust der Vielfalt. Wien: Promedia, 2013.

"Ich zähle mich zu der aus dem WUK kommenden Tanzkünstlergruppe, die sich in den 1980ern dort Räume außerhalb der Studioszene erobert hat.Wir waren noch so sozialisiert, dass man in Alternativen zum Bestehenden dachte. (…) neue Lebens-Arbeits-Kunst-Modelle auszuprobieren und voranzubringen. Es herrschte eine große Aufbruchstimmung in dieser kleinen Wiener Tanzszene, die aus einem künstlerischen Drang einerseits und aus einem Mangel an fehlenden Ausbildungs-, Produktions- und Auftrittsmöglichkeiten andererseits, hoch motiviert daran ging, dem künstlerischen Tanz eine Gegenwart und Permanenz zu geben."